Hervorgehoben

Leben ist mehr als überleben

Da es nicht sehr einfach ist das Thema „sexueller Mißbrauch durch Frauen“ im Alltag anzusprechen dachte ich mir, ich versuche es mal mit einem Blog, um andere Betroffene zu erreichen. Denn: Du bist nicht allein. Ich bin nicht allein. Wir sind nicht allein.

Yoga, Trauma und Konsens

In diesem Text schreibe ich über meine persönlichen Erfahrungen mit Yogaunterricht und vor allem verschiedenen Yogalehrer_innen.

Für viele Menschen ist Yoga eine gute Methode sich zu bewegen und zu entspannen. Auch für Menschen die traumatisiert wurden, kann Yoga helfen z.b. mehr in Kontakt mit dem eigenen Körper zu kommen. Leider ist die Yogaszene (zumindest in meiner Erfahrung) nicht sehr sensibel was mögliche Trigger während des Yogaunterrichts angeht.

Ich habe sehr respektvolle Yogalehrer_innen kennengelernt und solche, die meiner Meinnung nach dringend Nachhilfe in Konsens brauchen.

Ich bin von Natur aus ein neugieriger Mensch, daher probiere ich immer wieder Yoga bei verschiedenen Lehrer_innen an verschiedenen Orten aus. Leider muß ich feststellen, dass oft während des Yogaunterrichts kleine bis mittlere Situtationen passieren, die mich auf die eine oder andere Weise triggern. Ich schreibe hier darüber, damit das Bewusstsein für Trauma und Trigger in der Yogacommunity wächst.

Mein häufigstes Problem im Yogaunterricht ist angefasst werden. Es kommt ziemlich oft vor, dass die unterrichtende Person die Yogaschüler_innen ungefragt anfasst um z.b. die Haltung zu korrigieren. Für mich ist das ziemlich unangenehm, es kann mich triggern, das heißt, dass ich ein bißchen (oder ein bißchen mehr) aus meinem Körper aussteige, schlechte Gefühle hochkommen und ich mich nicht entspannen kann. Je nachdem in welcher Situation und wie die Berührung stattfindet ist es schlimmer oder weniger schlimm. Es gab leider schon Situationen, die mir den ganzen Tag versaut haben, andere, kleinere haben mir „nur“ die Yogastunde und vielleicht die Stunde danach versaut.

Heute ist es leider ersteres. Da frag ich mich, wieso ich eigentlich immer wieder zu neuen Yogalehrerinnen gehe und denke: „das wird schon“. Nein, viel zu oft wird es leider nicht.

Hier Beispiele für unangenehme und triggernde Yogasituationen:

Eine Yogalehrerin kam während der Abschlußentspannung (bei der mensch auf dem Rücken liegt und die Augen geschlossen hat) ohne sich vorher anzukündigen von hinten/oben an die Leute heran, hat unter ihren Kopf und Nacken gefasst um den Kopf/Nackenbereich leicht zu dehnen.

Ein anderes Mal, eine andere Lehrerin: ich bin gerade in einer Position auf allen vieren, bei der der Hintern ziemlich weit in die Luft gereckt wird. Die Yogalehrerin kommt wieder von hinten sehr nah an mich ran, greift in meine Hüftbeuge und zieht mich weiter nach hinten (zu sich heran), dann streicht sie mir auch noch mit der Hand über den Rücken.

Solche Situationen gehen gar nicht für mich.

Das war für mich das Gegenteil von Entspannung.

Manchmal kriege ich es hin kurz vor der Berührung „Nein“ zu sagen, manchmal spreche ich die Yogalehrer_in hinterher darauf an. Manchmal nicht.

Ich bin immer wieder überrascht wie unsensibel viele in der Yogaszene sind, was Berührungen und Konsens angeht. Leute, das ist doch nicht so schwer! Erst fragen, dann anfassen, wie sonst auch im Leben.

Dann gibt es manche Übungen, die mich triggern. Dazu gehört:

Auf dem Rücken liegen die Füße aneinander, die Knie auseinander.

Aus der Brücke das Becken auf den Boden klopfen.

Eine Hilfestellung, bei der ich auf dem Rücken liege, die Beine an die Wand gelehnt und die Lehrerin sich über mich/ meinen Kopf gestellt hat, so dass ich von unten zwischen ihre Beine geguckt hab. (Es ging darum, dass ich ihre Knöchel greifen sollte, um mit dem Po weiter an die Wand zu kommen).

Das Problem mit diesen Situationen ist, dass ich es erstmal mitmache und dann merke, dass es sich nicht gut anfühlt. Dann kann ich im besten Fall die Übung so verändern, dass es sich für mich besser anfühlt, aber das blöde Gefühl ist dann schon entstanden.

Dann hatte ich mal eine Yogalehrerin, die es in den beiden Stunden, die ich bei ihr ausprobiert habe geschafft hat Leuten direkt oder indirekt zu sagen, dass sie „zu dick“ sind. Das ist sowas von unnötig. Ich könnte jetzt einen ganzen Artikel über fat shaming und krankmachende Schönheitsideale schreiben, aber ich belasse es hier mit diesem kleinen Hinweis, dass so was völlig respektlos und überflüssig ist.

Es gibt in unserer Gesellschaft allgemein keine gute/ ausgeprägte Kultur was Körperkontakt und Konsens angeht. Ich würde mir ganz allgemein wünschen, dass jegliche Form von Körperkontakt erst nach der Zustimmung aller Beteiligter geschieht. Oder, dass es zumindest ein weiter verbreitetes Bewusstsein dafür gibt, dass auch kleinere Berührungen Übergriffig sein können. Und zwar egal welches Geschlecht die beteiligten Personen haben.

Ich behaupte, dass Männer und Frauen sich selbst diesbezüglich verschieden wahrnehmen. Ich habe das Gefühl, dass es zumindest bei manchen Männern angekommen ist, dass sie als Agressor wahrgenommen werden können und deshalb vorsichtiger mit Körperkontakt sind.

Mein Eindruck ist, daß Frauen viel selbstverständlicher davon ausgehen, dass ihre Berührung okay ist, denn als Frauen können sie ja quasi gar nicht übergriffig sein. Bzw. es so eine Idee gibt von „unter Frauen“ sind Berührungen immer okay. Hierin kann auch noch ein (unterbewusster) Heterosexismus liegen, weil Heterofrauen scheinbar oft davon ausgehen, dass Berührungen zwischen Frauen per se nicht sexuell sind.

Ob etwas übergriffig ist, oder nicht, hängt aber nicht mit dem Geschlecht zusammen, sondern ob Einverständnis eingeholt wurde, oder nicht.

Wenn Du Yoga unterrichtest und bisher gelesen hast: Bitte, bilde dich zum Thema Trauma und sexualisierte Gewalt weiter. Du mußt dafür kein Psychologiestudium aufnehmen, lies ein Buch, schau auf die Seiten von Beratungsstellen die zu dem Thema arbeiten, versuch dich in die Haut von Menschen mit Trauma hinein zu versetzen. Denn Du möchtest doch, dass sich möglichst viele Menschen in deinen Yogastunden wohlfühlen, oder?

Täterinnen?!

Den folgenden Text habe ich 2008 geschrieben. Ich veröffentliche ihn in leicht veränderter Form hier wieder. Ich bin jetzt -mehr als 10 Jahre später- natürlich an einem anderen Punkt im Leben als damals, aber trotzdem hat der Text im Großen und Ganzen seine Gültigkeit (leider) nicht verloren.

Ich bin von Frauen sexuell missbraucht worden, die sehr enge Bezugspersonen für mich waren. Ich bin Feminist_in.

Ich habe das Gefühl, ich komme nicht vor.

Frauen* üben sexualisierte Gewalt aus. Sie sind Täterinnen. Es gibt sie. Und es gibt Überlebende.

Um das zu sagen habe ich diesen Text geschrieben. Denn ich habe das Gefühl ich komme mit dieser Geschichte nirgendwo vor. Frauen* als Täterinnen sind kein Thema. Und das kotzt mich an.

Der weisse Fleck in Bezug auf „Gewalt von Frauen“ bringt mich oft zum Schweigen. Gerade dort, wo ich gelernt habe frei und schamlos zu sprechen. Stattdessen habe ich Angst, dass mir nicht geglaubt wird. Dass meine Erfahrungen herunter gespielt werden.

Als Mensch die/der sexualisierte Gewalt von Frauen* erlebt hat habe ich einerseits mit den gleichen Folgen zu kämpfen wie Überlende von Männergewalt, z.b. Selbsthass, Angst vor Nähe, das Gefühl wertlos zu sein, Angst im allgemeinen, Trigger*

Andererseits beschert mir die Erfahrung ein paar Extradreher.

Frauenräume fühlen sich für mich nicht unbedingt sicherer an. Gleichzeitig finde ich Frauenräume und -projekte politisch richtig und notwendig.

Ich kann nicht so einfach Männer als Täter (die bösen) und Frauen* als Opfer/ Verbündete (die guten) sehen, wie viele andere.

Ich selbst habe als Mädchen Selbstverteidigung gelernt und bin heute froh über die Mädchen und Frauen* mit denen ich zusammen boxe. Gleichzeitig habe ich Angst vor gewalttätigen Frauen*.

Fast alle Frauen*, mit denen ich befreundet bin sind Lesben. Ich selbst erfülle in vielerlei Hinsicht lesbische Klischees. Ich finde Frauen wunderschön und attraktiv, lese lesbische Erotika. Aber die Vorstellung tatsächlich mit einer Frau (genitalen) Sex zu haben verursacht mir Übelkeit und versetzt mich in Panik.

Mit 17 habe ich meiner Mutter erzählt, ich wäre bisexuell (das war damals die am meisten zutreffende Kategorie). Sie ist ausgeflippt. Hat einige furchtbar homophobe Sachen von sich gegeben. Jetzt, etwa acht Jahre später fange ich an mich zu erinnern, dass SIE mich sexuell missbraucht hat. Und selbst hetero ist. Und bis auf die Knochen homophob.

Meine Mutter hat mich mit etwa Jahren zum Selbstverteidigungskurs geschickt, damit ich als Mädchen lerne mich zu wehren. Gleichzeitig hat sie mir einen ausgeprägten Hass gegen Frauen* eingetrichtert und mir beigebracht mich selbst zu hassen.

Ich sehe jeden Tag die sexistischen Missverhältnisse in der Welt, die massive Gewalt, die Frauen* von Männern* angetan wird. Gleichzeitig gibt es eine kleine Stimme in meinem Kopf, die sagt „Das stimmt nicht! Frauen* sind nicht nur Opfer, sie sind auch Täterinnen“

Zwischen den meisten Frauen* scheint es einen Konsens zu geben, das bestimmte Dinge untereinander harmlos und OK sind,

z.B. oberflächlicher Körperkontakt, oder sich in der Umkleidekabine auszuziehen. Diese „automatische Harmlosigkeit“ ist mir ein Rätsel.

Als Überlebende_r die/der sich erst im Erwachsenenalter erinnert, kämpfe ich damit mir selbst zu glauben.

Ich versuche all die widersprüchlichen Botschaften mit denen ich aufgewachsen bin auseinander zu sortieren und ein einheitliches Bild herzustellen. Von mir und von der Welt da draußen.

Dieser Prozess ist schwierig und schmerzhaft. Er wird noch erschwert, dadurch dass es außerhalb von mir selbst keine Vorstellung davon gibt, was mir passiert ist.

Eine Mutter, die ihr Kind zu sexuellen Handlungen zwingt, ohne einen Mann*, als „Haupttäter“ gibt es nicht. Weder im Mainstream, noch in der queer-feministischen Kultur.

Aber das Bild ist da, nur bewegt es sich immer knapp außerhalb des Gesichtsfeldes, so das ich es nicht klar erkennen kann, so weit ich den Kopf auch drehe.

Apropos „Bild“: Linke Darstellungen von gewalttätigen/ bewaffneten Frauen* sind immer befreiend gemeint. Anscheinend können wir* uns nicht vorstellen, dass Frauen* Gewalt benutzen, ohne dass es emanzipatorisch ist. (Auch wenn es auch in Deutschland inzwischen Soldatinnen gibt).

Auch ich finde solche Darstellungen oft ansprechend, politisch richtig und sexy. Aber mir fehlt etwas.

Ich glaube, dass diese Bilder so gut funktionieren, weil Frauen* immer auch als Opfer gesehen werden. Auch wenn sie in anderer Hinsicht vielleicht privilegiert sind (Klasse, Hautfarbe, etc.)

Und: „Frauen* sind nicht gewalttätig“. Sind sie es doch, dann obwohl sie Frauen* sind. Weiblichkeit und die Fähigkeit Gewalt auszuüben stehen immer noch im Widerspruch zueinander.

Ist es möglich eine Frau nur als Täterin zu sehen? So wie wir* einen Mörder nur als Mörder sehen und nicht auch noch als Opfer des gewalttätigen Systems, in dem wir* alle leben.

Ich hielt neulich einen Flyer in der Hand, auf dem eine Möse abgebildet war, verbunden mit der Aufforderung sich zu fürchten. Die Herausgeber_innen nennen sich selbst u.a. „fanatically feminist“. Ich kann mir vorstellen, welche Wirkung die Collage bei dem/der Betrachter_in haben soll. Bei mir löst sie Übelkeit und Wut aus, denn ich habe reale, mehr als beängstigende Erfahrungen mit weiblichen Genitalien gemacht.

Ein Mann*, den ich bis dahin als Freund bezeichnete, mit dem ich lange Jahre kannte, wird als Vergewaltiger geoutet. Ich bin schockiert und überrascht. Und überrascht, dass ich überrascht bin.“Es kommt in den besten Familien vor“ geht mir durch den Kopf. Nicht ohne einen zynischen Unterton. Und doch, hatte ich ihm das bis jetzt nicht zugetraut. Eine Freundin, mit der ich darüber spreche, die selber Missbrauch und Vergewaltigung überlebt hat, traut quasi allen Männern* zu, Täter zu sein. Ich merke an, dass ich Missbrauch von Frauen* erlebt habe. Damit müsste ich eigentlich niemandem vertrauen, denn es gibt für mich kein Merkmal -zumindest kein geschlechtspezifisches- wonach ich Menschen einteilen könnte, in entweder „potenzielle Täter_innen“ oder „potenzielle Freund_innen“.

Sie entschuldigt sich. Sagt, dass es natürlich nicht nur die Männer* sind. Ich habe das Gefühl, sie versteht mich, ich muss nichts weiter erklären. Dennoch war ich wieder in der Situation etwas klarstellen zu müssen. Wieder falle ich aus einer vorgefertigten Kategorie heraus.

Eigentlich versuchen „wir*“ – Feminist_innen und queers- das Geschlecht einer Person NICHT an äusseren Merkmalen oder seinem/ihrem Verhalten festzumachen. Aber der Täter ist immer noch männlich.

Ich schöpfe aus einem immensen Pool feministischen Wissens und Könnens. Das hat mir geholfen zu überleben. Gleichzeitig stoße ich gerade bei einigen meiner Genossinnen gegen eine frauenverklärende Wand. Auch sie können sich TäterINNEN nicht vorstellen.

In dieser Hinsicht werden Frauen* selbst von manch einer gestandenen Kampflesbe nicht für voll genommen.

In einer Diskussion mit eben solcher sage ich, dass Frauen* für mich so bedrohlich sind wie Männer*. Oder bedrohlicher. Sie sagt, Frauen* würden mit Worten verletzen, das wäre oft noch schmerzhafter. Bullshit. Frauen* nutzen die Macht aus die sie über Kinder haben. Meine Mutter hat das getan. Sie hat mich benutzt und zwar körperlich.

Eine andere feministische Freundin von mir versuchte meine ersten Erinnerungen an die Taten meiner Großmutter zu relativieren. Ihre spontane Reaktion war zu vermuten, dass mein Therapeut die Erinnerungen suggeriert hat. In einem späteren Gespräch hat sie mir zugestimmt, dass sie das gleiche nicht gemacht hätte, wenn ich von meinem GrossVATER erzählt hätte.

Es gelingt mir nicht „Gewalt von Frauen“ in meine feministische Sicht auf die Welt zu integrieren.

Über Gewalt von Frauen* zu sprechen erscheint mir gleichzeitig feministisch und reaktionär. Feministisch, denn es bedeutet einen Bruch in der sexistischen Schablone in die Frauen* im allgemeinen gepresst werden. Reaktionär, weil ich das Gefühl habe damit den Sexismus gegen Frauen* herunterzuspielen. Dann sind Frauen* doch nicht so benachteiligt, wie wir* immer behaupten.

Mir fehlt eine passende Analyse. Die ich mit meinen Genoss_innen teile, die mich handlungsfähig macht.

  • Ich will, dass Gewalt von Frauen* ernst genommen und mit gedacht wird. So wie z.B. „Geschlecht ist keine natürliche Begebenheit“
  • ich will nicht die Gewalt die Männer* ausüben herunterspielen
  • ich möchte, dass wir* Frauen* ALLES zutrauen, was wir* auch Männern* zutrauen.
  • Das Gewalt von Frauen* nicht idealisiert wird. Auch nicht indem sie als -emanzipatorische- Militanz dargestellt wird. (wie das geht, ohne nur noch lieb und nett auszusehen, weiß ich auch nicht so genau)

*Glossar*:

  • „Männer“ „Frauen“: Ich weiss, dass es mehr als nur diese zwei Geschlechter gibt. Ich habe das in diesen Text nicht mit eingearbeitet, weil mir das ganze Thema schon verworren genug ist. Ich bitte alle, die sich nicht in der einen oder anderen Kategorie wiederfinden um Entschuldigung.
  • „Wir“: Mir ist selber nicht ganz klar wen ich mit diesem „wir“ meine. Erstmal alle, die diesen Text lesen. Alle, denen eine freie Gesellschaft am Herzen liegt. Alle die sich mit Geschlecht/ Sexualität/ Gewalt/ Heilung auseinander setzen…
  • Trigger: „Ein Trigger ist ein Ereignis, das den Traumatisierten hauptsächlich emotional an sein Trauma erinnert (meist in Form von Ängsten). Zum Beispiel kann das Geräusch eines Sylvesterknallers bei einem Menschen, der einen Bombenangriff miterlebt hat, panische Angst auslösen. An das eigentliche traumatische Ereignis erinnert er sich jedoch in vielen Fällen nicht, besonders wenn es sich im Kleinkindalter ereignet hat.“ (Quelle: Wikipedia)
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